Buchbesprechungen
Der Roman „Nah ist die Erinnerung“ von Anstey Harris ist ein Buch über Freundschaft, Erinnerungen und die Frage, wie gut wir einen anderen Menschen kennnen können. Der Roman ist am 11.02.2025 im Verlag Tinte & Feder erschienen und hat 295 Seiten, übersetzt wurde er von Marion Plath. Es geht um die tiefe Freundschaft zweier Frauen und was der Tod der einen für die andere bedeutet.
Jo und Rachel sind seit Kindertagen beste Freundinnen. Jos Vater verließ die Familie als sie noch sehr klein war. Seitdem hatte Jos Mutter Trost im christlichen Glauben gesucht, was allerdings mit der Zeit fanatische Züge annahm und Jo und ihre Mutter entzweit hat. Jo war damals froh, bei Rachels Familie, den liberalen und lebenslustigen Willoughbys, Zuflucht zu finden.
Jetzt, die beiden Freundinnen sind beide über fünfzig, ist Rachel überraschend an einem Schlaganfall gestorben und Jo wurde gebeten, die Trauerrede auf Rachels Beerdigung zu halten. Tim, Rachels Ehemann, mit dem Jo nie so richtig warm geworden ist, teilt Jo mit, dass Rachel ihr das wunderschöne und idyllisch gelegene Cottage Clachan in Schottland, das Feriendomizil der Familie Willoughby, vererbt hat. Dort haben die beiden Freundinnen aufregende Zeiten verlebt. Eigentlich waren sie hier verabredet. Rachel wollte Jo ein lang gehütetes Geheimnis anvertrauen, aber dazu kam es nicht mehr.
Nach Rachels Beerdigung beschließt Jo, erst einmal in Clachan zu bleiben, um in aller Ruhe um die Freundin zu trauern und ihr eigenes Leben neu zu sortieren. Jo freut sich auf die Ruhe vor traumhafter Kulisse, bestehend aus Meer, Strand und Wald.
Doch da hat sie die Rechnung ohne Meg gemacht, eine junge Frau, die von Rachel engagiert worden war, um Clachan zu renovieren. So hatte Jo sich das ganz und gar nicht vorgestellt …
Die Autorin nimmt uns mit an die schottische Küste mit ihren wildschroffen Naturschönheiten, Meer, Strand und verwunschenen Wäldern, auch Selkies spielen eine Rolle, Wesen aus der schottischen Mythologie. Selkies sind Robben, die sich an Land in Menschen verwandeln. Harris zieht ihre Leserschaft mit einer bildreichen Sprache und überraschenden Wendungen in ihren Bann: „(…) Das Wasser so klar wie Glas, die braunen und grünen Steine in ihm so rund und glatt wie Bonbons. (…)“ Wie gut kennen wir die Menschen, die uns vertraut sind? An was erinnern wir uns und warum? Was macht Unausgesprochenes mit einer Beziehung? Zum Beispiel hat Jo Rachel nie erzählt, dass sie unsterblich in Tris, Rachels Bruder, verliebt war – und das ist nicht das einzige Geheimnis, das es zwischen den Freundinnen gibt.
Die dreidimensional und liebevoll gezeichneten Figuren sind mir schnell ans Herz gewachsen, haben mir aber auch viel abverlangt.
Ich habe Jo von der ersten bis zur letzten Seite sehr gerne und gebannt auf ihrem turbulenten Weg begleitet. „Nah ist die Erinnerung“ ist ein Buch zum Abtauchen, das Spaß macht, aber auch nachdenklich stimmt und nachhallt. Wir können nicht alles über die vertrauten Menschen, die uns auf unserem Lebensweg begleiten, wissen – und das ist auch gut so. Geheimnisse gehören zum Leben, genauso wie großartige Bücher – eines ist sicher „Nah ist die Erinnerung“ von Anstan Harris.